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Brückengeist, Savannakhet, Laos, Mai 2008

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Brückengeist

Savannakhet, Laos, Mai 2008

Ecuador, Bodenelemente schweissen

Heute wird der Frachter "BBC Greece" im Hafen von Esmeraldas in Ecuador vor Anker gehen. Vor einem Monat ist er von Campana bei Buenos Aires ausgelaufen, an Bord über 4'000 Tonnen Tenaris Stahlröhren zur Lieferung in den Häfen von Callao (Peru), Esmeraldas (Ecuador) und Cartagena (Colombia).
Im Frachtraum Nummer 1, Stapel Nummer 7, reisen auch unsere Röhren für etwa 30 Brücken in Ecuador. Die übrigen 70 Brücken werden weitere drei Monate warten müssen, denn diese kommen von TenarisConfab in Brasilien, und zurzeit ist kein Schiff auf dieser Route verfügbar.
Grenzen und Zoll sind schwierig und erfordern im Voraus lange Monate sorgfältiger Schritte, hunderter E-mails und einwandfreier Frachtpapiere. Manchmal, wenn man endlich auch die Importerlaubnisse hat - ist kein Schiff mehr verfügbar.Ecuador, Transport nach Manabi
Die Brücken der Armen haben auch ihre Nachschubkette, so wie jedes andere interkontinentale Unternehmen. Nur dass hier alles basiert auf 'bitte' und 'ja, ich helfe'. Es ist eine ganze Kette von Freundschaftsdiensten. Für unsere aktuelle Serie von 100 Brücken in Ecuador und 40 in Südost-Asien ist es diese Kette, die es ermöglicht, 1'200 Tonnen an Röhren, Platten und Stahlseilen zu finden, sie zu transportieren und vorzufabrizieren.

Team-Ecuador, Vidal & Walter
Komplexe Logistik

Vor ein paar Jahren, als der Brückenboden noch aus Holz war, wären 450 dieser 1'200 Tonnen von den Landbewohnern beigesteuert worden. Sie hätten diese im Wald gesägt und auf ihrem Rücken bis zur Baustelle getragen.
Doch jetzt sind die Brücken aus Stahl, mit höherer Lebensdauer und Belastbarkeit. Und mit viel mehr Arbeit für uns, die puenteros: Walter in Ecuador arbeitet mit zwei und zeitweise sogar vier Schweissern, die schon seit Monaten nur Bodenelemente schweissen. Sie fabrizieren gut 2'000 Elemente von 2,44m Länge, jedes 130 Kg schwer. Sopul in Kambodscha arbeitet mit zwei Schweissern, ich in Laos mit drei. Die Löhne all dieser Männer werden geschenkt von einer einzigen grosszügigen Dame, sowohl letztes als auch dieses Jahr. Das vietnamesische Team gehört der Provinzregierung, ebenfalls mit mehreren Schweissern.Kambodscha, Transport auf Mekong Fluss
Diese enorme Menge Material von 1'200 Tonnen haben wir von drei Hauptquellen erhalten:
Ein Drittel von Tenaris (Röhren, 300 Tonnen) aus ihren Fabriken in Argentinien, Brasilien und Italien sowie von TerniumSiderar (Platten, 100T), ebenfalls aus Argentinien. Dies inklusive Tür-zu-Tür-Transport bis zur End-Destination in allen vier Ländern. Das ist nicht zu unterschätzen, speziell im Falle von Laos, ein entlegenes Land ohne Zugang ans Meer. Da war die Synchronisation von Freundschaftsdiensten so vollständig, dass die Röhren und Stahlplatten von beiden Schwesterfabriken aus Argentinien am selben Tag im Hafen von Laem Chabang bei Bangkok eintrafen, nämlich am Weihnachtstag. So konnten sie in einem einzigen Sattelschlepper-Konvoy Thailand durchqueren und in einer einzigen Zollabfertigung nach Laos eingeführt werden. Dann, nur eine Woche darauf, am Neujahrstag in Phnom Penh, traf eine zweite identische Ladung für Kambodscha ein.Team-Cambodia, Sopul
Ein weiteres Drittel wird beigesteuert vom Ministerium für Energie von Ecuador (Röhren 90mm, 180T), von den Provinzregierungen in Manabi, Loja und Bolivar in Ecuador (Stahlplatten und U-Stahl, 200T) sowie in Ben Tre in Vietnam (Stahlplatten, 20T).
Das dritte Drittel kommt von den Schweizer Seilbahnen (Stahlseile, 200T), Haynes Wire Rope in Houston (Stahlseile, 100T) und von Spendern in der Schweiz (U-Stahl, gekauft in Asien, 100T).
Die Schweiss- und Lagerplätze stellt in allen vier Ländern jeweils eine Provinzregierung zur Verfügung, meistens ideal gelegen für unsere Logistik im Lande.
Jene Dinge, die nach all diesen Gefallen noch gekauft werden müssen, werden bezahlt mit Geld-Geschenken, in ihrer grossen Mehrheit von Erwachsenen und Kindern aus der Schweiz.Team-Cambodia, Vath
Hinter dieser kurzen Liste stehen Frauen, Männer und Kinder mit Namen, Gesicht und vor allem Herz. Es würde ein ganzes Buch füllen, ihre Geschichten zu erzählen
und das Glied zu zeichnen, das jeder in der Kette der Dienste darstellt. Doch das Resultat liegt vor uns. Es ist ein sehr farbenfrohes Panorama von Team-Arbeit zwischen armen Bauern, Einzelpersonen, privaten Firmen und lokalen Regierungen.


Die Teile zusammenfügen

Die vier nationalen Brückenbauer-Teams kennen sich praktisch nicht. Die asiatischen Schweisser haben keine Ahnung, wo genau auf dem Planeten ihre ecuadorianischen Kollegen leben, und umgekehrt. Jedes Team spricht eine für alle anderen Teams völlig unverständliche Sprache. Und trotzdem: Würde man sie morgen alle an einem einzigen Ort zusammenführen, zum Beispiel in Myanmar, um Notfallbrücken nach dem Zyklon Nargis in vier parallelen Teams herzustellen, dann wüssten alle ganz genau, was zu tun ist und sie würden sich durch ihre Arbeit untereinander verstehen.Laos-Thailand Grenzuebergang
Es sind zwei Hauptelemente, die dieses Verständnis möglich machen. Diese verbinden sie wie durch Magie - ebenso wie all die anderen Teile in der Schweiz, Ecuador, Buenos Aires, Montevideo, Houston, Mexico, Milano, Dalmine, Singapore, Bangkok, Phnom Penh, Ben Tre, Savannakhet und weitere Orte: Das eine ist der Brückengeist, und das andere ist das SIP.
Das Erste ist das Wichtigste: Der Brückengeist ist es nämlich, der uns dazu bringt, von uns selbst zu geben. Bis jenseits unseres eigenen Ufers. Voll Freude und Hingabe, nützlich und schön.
Das Zweite ist ein praktisches Mittel, um es breiter möglich zu machen: Das SIP, oder Brücken Informations System (nach seinen Initialen auf Spanisch).
Vom Moment an, in dem der Arbeiter im Röhrenlager in Argentinien einen Kleber mit der ID-Nummer in die Röhre hineinklebt, begleitet diese ID sie bis ins Schweisslager nach Kambodscha. Dort schneidet der Schweisser diese Röhre in Stücke (gemäss seinem SIP-Blatt) und fügt die Stücke in die entsprechende Brücke. Zu jeder Zeit ist bekannt, wo jede Röhre gerade ist, von ihrem Ursprung bis dahin, wo sie schliesslich im Boden betoniert bleibt.Team-Laos, Xai, Xai, Lae, Lanh
Genau gleich verfolgt das SIP den Weg aller Seile: Vom Moment an, in dem diese von der Seilbahn in den Schweizer Bergen auswechselt werden, bis zur Endposition an einem vietnamesischen Fluss. Das beinhaltet Längen, Gewichte und weitere Merkmale, absolut notwendig für Frachtpapiere und vor allem fürs Design der Brücke - alles erledigt im gleichen SIP.
Es produziert damit zwei Instruktionsblätter pro Brücke für puenteros und Schweisser, in ihrer lokalen Sprache und Schrift. Ebenso, und in Sekunden, stellt es Reports her für die Firmen, Regierungen und Einzelpersonen, die alle auf ihre Weise mithelfen. Es führt Inventar und ist verknüpft mit der Buchhaltung.


Nützliche Ordnung

Es ist erstaunlich, wie Brückengeist und das System sich ergänzen. Das eine kommt nicht sehr weit ohne das andere.
Wenn die Information in Ordnung ist, dann überquert das Material die Grenzen in Ordnung. Die Schweisser im Lager arbeiten mit Ordnung, die Bauern erhalten ihre Brücken mit Ordnung, und so werden die Brücken gebaut mit Ordnung. Dies minimiert die Möglichkeit für Konfusion und Fehler. Fehler, die im besten Falle mühsam sind, im schlimmsten Falle tödlich.Team-Vietnam, Dac, Toni, Loc, Long
Nun wissen wir, dass für diese 140 Brücken ganze 1'200 Tonnen geschenktes Material bewegt werden. Und trotzdem: Dieses riesige Gewicht stellt nur gerade 3% dar vom ganzen Gewicht, das von den Bauern bewegt wird, unterstützt von ihren Frauen und Kindern, nämlich sage und schreibe 14'000 Tonnen Aushub. Rund 22'000 Tonnen Sand, Kies und Steine. Dazu kaufen sie 1'200 Tonnen oder 24'000 Säcke Zement. Sie holen 600'000 Liter Wasser vom Fluss. Sie geben mindestens 60'000 Personen-Tage an freiwilliger Arbeit.
Im laufenden Jahr sind 12 der 140 Brücken fertig, und 61 sind simultan im Bau. Weitere 44 sind schon ausgemessen, und 117 auf der Warteliste.
Wie soll man denn beschreiben, was einst nur ein Traum war? Mangels eines anderen Ausdrucks beschreiben es einige als "Brückenbauer-Bewegung". Ich weiss bis heute nicht, wie man es nennen sollte. Aber vielleicht will es gar nicht genannt sein. Es will gelebt sein.

 
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