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Symphonie in Buenos Aires, Buenos Aires 04.Mai 2007

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Symphonie in Buenos Aires

04. Mai 2007

Es war mein erstes Mal in einer Philharmonie. Diesen Abend in Buenos Aires interpretierte die Philharmonie Budapest Mozart. Die Musik des deutschen Genies ging mir direkt ins Herz.
Knapp eine Stunde zuvor sass ich noch vor meinem Laptop im zehnten Stock des Firmensitzes von Tenaris. Die Sonne war bereits untergegangen, nicht ohne den weiten Río de la Plata in wunderbare goldene und rote Farben getränkt zu haben. Ich war nach Argentinien gekommen, um ein paar Vorträge zu halten, eingeladen von Tenaris, der Firma, die wie schon letztes Jahr nun wieder Röhren schenken würde für 70 Brücken, diesmal in Kambodscha, Laos, Mexiko, Venezuela und Ecuador.
Einer der leitenden Angestellten der Firma streckte seinen Kopf ins Büro:
"Toni, was hast du heute Abend vor? Paolo Rocca will dich in die Philharmonie einladen. In einer halben Stunde." 
Paolo Rocca ist Präsident und CEO von Tenaris, einer Tochterfirma von Techint, einem weltweit tätigen Stahlkonzern mit 50'000 Mitarbeitenden.
Natürlich war meine Kleidung nicht passend für eine Philharmonie, und ich ging mit Sportschuhen und im gewöhnlichen Hemd.

Nach dem Konzert, beim Nachtessen, erzählte ich Don Paolo, wie vor drei Tagen in Ecuador der neue Staatspräsident Rafael Correa, via seine Minister für Öffentlichen Bau sowie für Energie und Minen uns ihre ganze Unterstützung zugesagt hatten für weitere Brücken. Und dass sie dabei unsere Arbeitsphilosophie voll respektieren würden, nämlich dass die Campesinos ihre eigenen Brücken bauen, und dass wir - die Puenteros, die privaten Firmen und die Regierung - zwar mithelfen, aber nicht davon Besitz ergreifen. Es blieben mir noch drei Tage, um einen Plan auszuarbeiten, um ihn auf meiner Rückreise durch Ecuador den Ministern und dem Staatspräsidenten zu unterbreiten.
Und ich hatte ein paar Zweifel. Aber kurz vor dem Dessert zerstreute Paolo Rocca sie in alle Winde:
"Schau Toni, sag' dem Staatspräsidenten Correa, dass du nach Buenos Aires gekommen bist, dass es dir gut ergangen sei, und dass Tenaris dir helfen wird mit Röhren für 100 Brücken in Ecuador."
Ich war perplex. Ich dankte von ganzem Herzen. Mit diesen Röhren und mit den Seilen der Schweizer Seilbahnen hatten wir schon das Wichtigste. Doch zum meinem eigenen Schrecken hatte ich den unglaublichen Wagemut zu fragen:
"Aber, wenn all dies nach Ecuador geht, was mache ich dann für Kambodscha und Laos?"
Gerade für diese Länder, so viel ärmer als Ecuador, war ich nach Lateinamerika gekommen, auf der Suche nach Röhren und Stahlplatten.



Lateinamerikanische Wege

Ich war durch Mexico gereist, wo ich Vorträge hielt und Dorfgemeinschaften suchte, die noch Brücken nötig hätten. Ich hoffte, ein mexikanisches Brückenbauerteam zusammenzustellen, weil ja die Firmen Tenaris und Ternium mit Material für ihr Land helfen wollten. Während Wochen zog ich fast 8'000 km herum auf der Suche nach den Orten wo eine Brücke wirklich nötig ist, und zudem nach der passenden Person für den nötigen mexikanischen "puentero".

Dann folgte ich der Einladung nach Venezuela, ebenfalls um mögliche Brückenorte zu suchen und für Vorträge. Und ich wurde fündig. Am Ende des letzten Vortrages am letzten Abend in Ciudad Guayana, am Ufer des mächtigen Río Orinoco, kam Oscar nach vorne, etwa 55-jährig, und pensionierter Betriebsleiter einer jener riesigen Bauxit- und Aluminiumfirmen. Er ist entschlossen seinen Teil beizutragen für Indianer und Bauern in Venezuelas Amazonien, und offensichtlich hat er den Charakter und die geeigneten Fähigkeiten dazu. Wir beschlossen, zwei erste Brücken zu bauen im Bundesstaat Bolívar.

In der Folge nahm ich die Einladung nach Buenos Aires an, mit einem unerwarteten Zwischenstopp in Ecuador. Ich halte gerne öffentliche Vorträge in Ecuador, dem Geburtsland unserer Brückengeschichte.

Denn wie sehr möchte ich die Ecuadorianer wissen lassen, was für ein besonderes Volk sie sind. Und wie sehr möchte ich, dass sie wissen um die Dankbarkeit, die mehrere hunderttausend Menschen in Südost-Asien und ich spüren, weil unser Leben sich verwandelt hat durch die Brücken, die zum ersten Mal im ecuadorianischen Dschungel entstanden sind. Brücken, die erbaut und erwachsen wurden dank der Campesinos, Indianer, Petroleros, Missionare, Soldaten, Journalisten, Firmenleuten und so vielen anderen Personen, jede ihren Teil dazu beitragend.

Und nun befand ich mich in Buenos Aires, beim Nachtessen mit einem der mächtigsten Männer der weltweiten Stahlwirtschaft, der mir soeben Röhren geschenkt hat für 100 Brücken in Ecuador. Und plötzlich fühlte ich, dass ich womöglich mit leeren Händen nach Asien zurückkehren würde. Es war mir einfach unmöglich, die Frage zurückzuhalten.
"Aber, wenn all dies nach Ecuador geht, was mache ich dann für Kambodscha und Laos?"
Don Paolo schmunzelte und sagte ganz ruhig:     
"Nun, wir werden das Programm etwas erweitern müssen."
Womit er uns Röhren schenkte für 100 Brücken in Ecuador und 40 in Asien, zudem noch Stahlplatten der Schwesterfirma, Ternium. Ein Geschenk im Wert von ca. einer Million Schweizer Franken. Das Wort eines Gentleman, ohne auch nur irgendetwas von mir als Gegenleistung zu verlangen.


Harmonie trotz der Differenzen

Um ein Uhr morgens standen der leitende Angestellte, der mich in Paolo Roccas Auftrag ins Konzert eingeladen hat, und ich auf der Avenida Libertadores. Er war ebenso beeindruckt von dem, was wir soeben erlebt hatten.
"Und, wie war dein Tag, Toni? Scheint, dass es dir nicht schlecht gegangen ist, nicht?"
Was konnte ich schon antworten? In 20 Jahren als Brückenbauer habe ich für jeden Meter Abfallröhren gesucht und gekämpft der Himmel weiss mit wieviel Geduld und Hoffnung so haben wir 360 Brücken gebaut.  Heute, in einer magischen Nacht der Symphonie in Buenos Aires haben uns Don Paolo und die Firmen seiner Familie völlig neue Röhren geschenkt für 140 Brücken. Material für 300'000 Campesinos auf der Welt, wahrscheinlich mehr. Eine Geste der Liebe von globaler Grösse.

Global so wie es die gesamte Gruppe ist, mit ihren 50,000 Angestellten in zahlreichen Fabriken und Büros auf der ganzen Welt. Doch global oder nicht, jede Firma lebt dank ihrer Besitzer wie auch dank dem bescheidensten ihrer Arbeiter. Wie jener ältere Stahlarbeiter, der im Auditorium von Ciudad Guayana aufstand und sagte:
"Toni, sei dir sicher, dass wir gerne unseren Tropfen Schweiss beitragen um mehr Röhren zu machen, die für Brücken dienen."
In der Philharmonie in Buenos Aires, in Turnschuhen und im Strassenhemd inmitten von Glanz und Glamour, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass die Instrumente aus Metall und Holz, auch wenn völlig verschiedener Art, völlig harmonieren, jedes auf die virtuoseste und höchst mögliche Weise, und dass sie zusammen, sich begleitend und sich anstrengend für die Symphonie des Ganzen, diese vollendete Harmonie kreiern, die unsere Seele emporhebt.

Und wir Menschen sind ja so viel mehr als Instrumente aus Holz und Metall... Wie wird denn die Melodie und Harmonie sein, die wir kreiern können dort draussen, in der Welt jeden Tages?
___________________
Toni Ruttimann
Bridgebuilder

 

 
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