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Die Sonne geht nicht unter Mekong Delta, Vietnam, 24. Oktober 2004

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Die Sonne geht nicht unter

Mekong Delta, Vietnam, 24. Oktober 2004

Hung NhuongIch bin in die Sozialistische Republik Vietnam gegangen mit einer einzigen Hoffnung: Brücken bauen zu helfen für ihre Bauern.

Der Botschafter von Vietnam in Phnom Penh, Kambodscha, hatte mir den Kontakt vermittelt mit dem Aussenministerium in Ho Chi Minh City, das mich seinerseits in Richtung Süden Vietnams wies, in die Provinzen des Mekong Delta.

Das Delta des mächtigen Flusses hat mit fast 40’000 Km2 etwa die Grösse der Schweiz und bietet Heim für 15 Millionen von den insgesamt 81 Millionen Vietnamesen. Es ist ein riesiges Netz von Seitenarmen des Mekongs, von künstlichen Schiffskanälen und kleineren Bewässerungskanälen. Sie alle führen kreuz und quer durch das fruchtbare Land, dem kompliziertem Netz einer Spinne gleich, verbinden Städte und Dörfer, dienen als Transportwege für jedermann, von riesigen 1’000 Tonnen-Kähnen bis zu den im Vergleich dazu winzigen Kanus der Kleinbauern.

Aber der Alltagsverkehr der Familien, jener zu den Schulen, zur Arbeit, zum Markt, zum Arzt  dieser Verkehr ist so viel einfacher mit dem Fahrrad oder dem Motorfahrrad. Es ist eindrücklich, welch’ unglaubliche Ladungen die lokale Kreativität auf so ein Motorrad mit Anhänger zu packen vermag. In viele Dörfer führen kleine, zementierte Pfade oder Strässchen, oft nur 2 Meter breit. Aber wo diese dann an einen Kanal oder Fluss stossen, ist Ende der Fahrt, und man muss mit der Fähre oder dem Boot übersetzen.

Hindernisse überwinden

Es ist einfach zu sehen, wie passend unser Typ von Hängebrücken für den Alltagsverkehr hier ist, und ohne Zweifel werden Hunderte von Brücken benötigt, um hunderttausenden von Menschen das Leben zu erleichtern.
Wie jedes Mal, wenn ich in einem neuen Land anfing, sah ich mich dem üblichen Berg von Hindernissen gegenüber: Orientierung, Finden von Materialquellen, Qualitätsschweissern, Fabrikationsgelände und Transport für die Brückensets.

Zusätzlich, spezifisch für Vietnam, gab es noch drei weitere Probleme: Die kleinen Strassen erlauben kaum je den Zugang mit Lastwagen, so müssen alle Brückenteile per Lastschiff transportiert werden. Wo nun ein Lastschiff mit Schlepper herkriegen? Dann muss die lichte Höhe der installierten Brücke die freie Fahrt von 200-Tonnen Lastschiffen unten durch erlauben, auch bei maximalem Wasserstand, was uns zwingt die Brücken mit ausgesprochenem Bogen zu bauen, was deshalb höhere Pfeiler erfordert, und dies wiederum bringt höhere Schwierigkeit für Transport und Aufbau.
Und schliesslich musste das Design des Fussbodens geändert werden, hin zu einem Boden ganz aus Stahl, weil hartes Holz in Vietnam fast nicht mehr zu finden und so teurer als Stahl ist.
Toni & Sopul
Aber vielleicht das grösste Problem das zu lösen war, jenes das den gesamten Traum stoppen konnte, das war ich selber.

Ich brauchte eine Weile, um mich an die vietnamesische Art zu gewöhnen, hektisch wie sie ist, lärmig, intensiv, fordernd. Es ist frustrierend, so ohne Ahnung zu sein wie fast jeder Ausländer in Vietnam, sich herumzuschlagen mit der unglaublich schwierigen Sprache, und obendrauf noch mit meinem Körper, der immer noch nicht von seiner Lähmung erholt ist. Wie soll man denn das Beispiel geben am Brückenort, wenn man läuft wie eine Ente und mit Händen , die nicht richtig greifen können? Ich habe aufgehört, mich zu wundern, wie lächerlich ich wohl aussehe für diese Leute, obwohl diese in ihrer sehr respektvollen Art nie etwas sagen, sondern mir eher eine helfende Hand reichen und lächeln. Unterdessen versuche ich meine Muskeln weiter zu stärken, indem ich mit dem Fahrrad an alle möglichen Bauorte strample und um fünf Uhr morgens aufstehe fürs Training.

Gegen, an der Seite, und für Vietnam

Es brauchte etwa drei lange Monate, um die ersten drei Brücken in Dong Thap zu bauen, ein Problem nach dem anderen aus dem Weg räumend. Gegen Ende kam mein kambodschanischer Kollege Sopul, um mir mit der Endmontage beizustehen, indem er auf die Kabel hochkletterte und den eifrigen Vietnamesen das praktische Beispiel gab.

Es war das allererste Mal gewesen, dass Sopul aus seinem Land herauskam. Er war in einem Dorf nicht sehr weit von der vietnamesischen Grenze aufgewachsen, wo er lernte, vor den amerikanischen Bombenangriffen zu flüchten und sich zu verstecken. Mit der Zeit lernte er, die Zeichen der sich nähernden Gefahr am Himmel und zu Land zu lesen, und überlebte wieder und wieder. Anders als seine Tante, die nicht rechtzeitig aus dem Dorf flüchtete und die lebendigen Leibes an einer Brandbombe verbrannte, ihr Kind fest in ihren Armen. Mit 14 Jahren, als die Amerikaner schon den Krieg in Vietnam verloren hatten und aus Kambodscha abgezogen waren und die Khmer Rouge an der Macht waren, musste Sopul auf der Seite der Khmer Rouge gegen die Vietnamesen und deren Stellungen entlang der gemeinsamen Grenze  kämpfen.

In den letzten Wochen von 1978 beschlossen die Vietnamesen, dem Völkermord der Khmer Rouge ein Ende zu setzen, überrannten diese innerhalb weniger Wochen und drängten sie zurück in die Berge und Wälder an der thailändischen Grenze. Von dort aus führten die Khmer Rouge 15 Jahre lang einen grausigen Guerrillakrieg, unterstützt mit Geld, Waffen und den scheusslichen Landminen von den Vereinigten Staaten und China, die beide Vietnam hassten. Die vietnamesischen Truppen blieben 10 Jahre lang in Kambodscha, gleichzeitig im Kampf gegen die Guerrillas und im Wiederaufbau eines verhungerten Landes, das nun ohne Staatsbeamte war, ohne Berufsleute, ohne Ärzte, Lehrer, Ingenieure, die allesamt eliminiert worden waren von Pol Pot’s Regime.

In jenen Jahren fand sich Sopul an der Seite der vietnamesischen Soldaten beim Strassenbau und Materialnachschub an die Front gegen die Khmer Rouge. 1989 übergab Vietnam das gesamte Land an die Regierung Hun Sen’s und ging nach Hause. Nach fast fünfzig Jahren Krieg gegen die Japaner, die Franzosen, die Amerikaner, die Chinesen und die Khmer Rouge konnten sich die vietnamesischen Soldaten zum ersten Mal am Frieden erfreuen, und das Volk konnte endlich ihre Kräfte darauf konzentrieren, Vietnam wieder aufzubauen.

Ich wartete auf Sopul am kleinen Grenzposten von Dinh Ba, den er nach einer zweistündigen einsamen Fahrt hinten auf einem Motorrad erreichte, das sich auf schlammigen Pfaden an Reisfeldern entlang und durch das Dickicht schlängelte. Er hatte eine Abkürzung genommen von Neak Leoung her, jener Stadt, auf die 1973 ein amerikanischer B-52 Bomber irrtümlicherweise eine gesamte Ladung Bomben fallen liess.

Ich fragte mich, was Sopul wohl von den Drehungen und Wendungen des Schicksals hielt. Zuerst hatte er gegen die Vietnamesen gekämpft, dann hatte er an der Seite der Vietnamesen gekämpft, und heute kam er, um für die Vietnamesen Brücken bauen zu helfen. Seine Antwort war ein viel sagendes Lächeln und ein Wort: "Sam-ma-kí”. Solidarität. Das Wort, das die Vietnamesen benutzten, als sie Kambodscha halfen.

Ben TreLuong Phu

Während wir die Kabel an einer der ersten drei Brücken in Dong Thap Provinz montierten, suchte uns ein älterer Herr und er kam die ganze Strecke aus Ben Tre, einige Stunden entfernt. Mister Son war früher Gouverneur von Ben Tre gewesen, und ausserdem Sekretär der kommunistischen Partei der Provinz. Nun ist er pensioniert und widmet den Rest seines Lebens freiwillig dem Bau von kleinen Brücken und Strassen für die Bauern, um deren Notlage etwas zu lindern. Als wir uns einverstanden erklärten, in seine Provinz ‘einen Blick zu werfen’, organisierte er innerhalb von zwei Tagen ein Team von Schweissern und jungen Ingenieuren, und zusammen mit einer staatlichen Konstruktionsfirma offerierte er uns einen Schleppkahn, Lastwagen und ein Schweisslager. Tief beeindruckt begannen wir zu arbeiten.

Ich finde, es sagt viel, dass der Vorsitzende des Volkskomitees der Provinz, also der Gouverneur, zu einem 6-Uhr-Nudelsuppen-Frühstück kommt, nur um uns alles Gute zu wünschen für die Arbeit in seiner Provinz. Und dass
er beim nächsten Frühstück eine Woche später spontan offeriert, dass die Provinzregierung die Kosten übernehme für die Stahlplatten für den Boden mit höherer Lebensdauer, und so sicher zu gehen, dass wir hier noch viele Brücken bauen helfen.

Noch mehr beeindruckt waren wir von den Bauerngemeinschaften in Ben Tre, berühmt für ihre revolutionäre Entschlossenheit während dem Krieg gegen die Amerikaner. Und es war hier, wo der Reporter Peter Arnett von der Associated Press den traurigen und denkwürdigen Kommentar eines amerikanischen Offiziers bekannt gemacht hat: “Wir mussten das Dorf zerstören, um es zu retten …”

Diese schrecklichen Zeiten sind jetzt vorbei  zumindest in Vietnam  und voller Hoffnung kommen die Bauern zusammen, um ihre Brücken zu bauen. Nicht nur mit 50 Personen, wie abgemacht, sondern mit 100 und mehr für die zwei Tage der Betonierarbeiten und für den Tag der Endmontage. In dieser Zeit wimmelt es am Bauort von geschäftigen Männern und Frauen in ihren konischen Schilfhüten und die Luft ist erfüllt von Rufen und Lachen. Auch der schwierigste Lehmeinbruch, typisch für die Ausgrabungen unter Wasser, und der hartnäckige Regen haben keine Chance gegen so viele eifrige und geschickte Hände. Das tägliche Leben dieser Reisbauern ist so hart, Tag für Tag gebückt im Reisfeld stehen mit Wasser bis zu den Knien, tragen, graben, kämpfen für den Lebensunterhalt  da ist der gemeinsame Bau einer so lang ersehnten Brücke, auch wenn hart, eine fröhlicher Anlass.

Unsere gemeinsame Arbeitssprache ist Kambodschanisch, weil Sopul und ich nur wenige Worte Vietnamesisch sprechen, und weil man praktisch in jedem Dorf mindestens einen Mann finden kann, der ein paar Jahre als Soldat in Kambodscha war. Oder der sonst ein Nachkomme der Khmer-Gemeinschaften ist, die im Mekong Delta seit den Zeiten des alten Khmer Königreiches ansässig sind.

Die Sonne geht nicht unter

In Vietnam sind fünf Brücken fertiggestellt und 16 weitere im Bau. Gleichzeitig bauen wir 12 weitere in Kambodscha.

In Ecuador, genau auf der gegenüberliegenden Seite des Planeten, hat Walter Yánez dieses Jahr bis jetzt eindrückliche 18 Brücken gebaut, mit Spannweiten bis zu 129 Metern, weitere 8 Brücken sind im Bau. Er arbeitet solide und ohne grössere Komplikationen, erfolgreich geleitet durch unser Fernsteuerungs-System. Die einzige schlechte Nachricht ist die Tatsache, dass er soeben die letzte Ladung von Röhren von Petroecuador aufgebraucht hat.

Das ist ein weiteres Problem auf der langen Liste von Material und Transporten, die in der Stille meiner Nächte zu lösen sind, meist via Internet: Röhren und Kabel in Ecuador, alte Kabel aus Houston, Stahlplatten aus Russland, Röhren aus Thailand, Kabelklammern aus China … Und nun, mit 80 oder mehr Brücken am Horizont für nächstes Jahr, habe ich die Hoffnung, die nötigen Kilometer an gebrauchtem Kabel von einer neuen Quelle zu erhalten: Von den Seilbahnen, die Touristen in die Schweizer Alpen tragen.


Die Sonne geht nicht unter über den Brückenbauern. Bis heute sind 235 Brücken gebaut, und 36 im Bau, Tag und Nacht. Während die ecuadorianischen Bauern in ihren Strohhüten und voller Freude die letzten Teile für ihre Brücke unter den Strahlen der Abendsonne zusammensetzen, beginnen die Bauern in Vietnam in ihren Spitzhüten, und jene in Kambodscha in ihren rot-weissen Kramas, ihren Beton zu mischen und Kabel über die Flüsse zu ziehen. Diese führen den Traum weiter unter der Morgensonne, während jene sich müde und zufrieden schlafen legen.

Welch’ ein Traum. Einer der tatsächlich passiert. Jetzt.

___________________
Toni Ruttimann
Bridgebuilder

 
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